Tauwasser im Bauteil
Das Glaser-Verfahren prüft, ob in einem Bauteil Feuchte ausfällt. Es ist ein bewährtes Überschlagswerkzeug – und es hat klare Grenzen.
Was das Verfahren rechnet
Das Verfahren betrachtet Wärme und Wasserdampf im stationären Zustand. Aus den Wärmedurchlasswiderständen entsteht ein Temperaturverlauf durch das Bauteil, aus den Dampfdiffusionswiderständen ein Dampfdruckverlauf. Trifft der Dampfdruck irgendwo auf den Sättigungsdruck der dort herrschenden Temperatur, fällt Tauwasser aus.
Maßgeblich ist der sd-Wert jeder Schicht:
μ ist die Dampfdiffusionswiderstandszahl des Materials, d die Schichtdicke. Eine Folie mit μ = 100 000 und 0,2 mm Dicke erreicht sd = 20 m, eine 16-Zentimeter-Dämmung mit μ = 1 nur sd = 0,16 m. Der Widerstand wächst also nicht allein mit der Dicke, sondern mit dem Material.
Die Tauperiode
Für den Nachweis nach DIN 4108-3 wird eine einheitliche Wetterlage angesetzt: 20 °C und 50 % relative Feuchte innen, −5 °C und 80 % außen, über 90 Tage. Unter 0 °C wird der Sättigungsdruck über Eis gebildet, nicht über Wasser.
| Größe | Wert |
|---|---|
| Innenluft | 20 °C, 50 % r. F. |
| Außenluft | −5 °C, 80 % r. F. |
| Dauer der Tauperiode | 90 Tage |
| Dampfdruck innen | ca. 1.168 Pa |
| Dampfdruck außen | ca. 321 Pa |
Diese Randbedingungen sind bewusst streng. Sie bilden einen kalten Winter ab, nicht das ganze Jahr.
Wann Tauwasser zulässig ist
Ein Bauteil darf Tauwasser ausfallen lassen, wenn die Menge begrenzt bleibt und im Sommer wieder verdunstet. DIN 4108-3 nennt dafür Grenzen:
- 0,5 kg/m², wenn die Tauwasserebene an eine nicht kapillar wasseraufnahmefähige Schicht grenzt – etwa an eine Dämmung.
- 1,0 kg/m² bei kapillar wasseraufnahmefähigen Kontaktflächen, etwa Mauerwerk oder Holz.
Zusätzlich muss die Verdunstungsmenge die Tauwassermenge mindestens erreichen, und es dürfen keine schädlichen Folgen entstehen – etwa eine zu hohe Holzfeuchte oder Korrosion an Metallteilen. Wird eine dieser Grenzen überschritten, ist der Aufbau zu ändern: mehr Dämmung, eine Dampfbremse an der richtigen Stelle oder ein anderer Schichtenaufbau.
Oberflächentauwasser und Schimmel
Nicht nur im Bauteil kann Feuchte ausfallen. Ist die Innenoberfläche kälter als der Taupunkt der Raumluft, bildet sich Wasser auf der Wand. Bei 20 °C und 50 % liegt der Taupunkt bei 9,3 °C. Nach DIN 4108-3 gilt eine relative Feuchte von 80 % an der Oberfläche als kritischer Wert für Schimmelpilzbildung; bei 20 °C und 50 % entspricht das rund 12,6 °C.
Ursache sind meist Wärmebrücken, eine zu geringe Dämmung oder zu wenig Lüften. Ein höherer U-Wert verschärft das Problem, weil die Oberfläche stärker abkühlt.
Wo das Verfahren endet
Das Glaser-Verfahren ist eindimensional, stationär und rechnet nur mit Dampfdiffusion. Es kennt keine kapillare Weiterleitung, keine Wasseraufnahme und keinen Schlagregen. Die sommerliche Trocknung wird je nach Umsetzung über eine Verdunstungsperiode abgeschätzt oder gar nicht bilanziert.
DIN 4108-3 nennt außerdem Fälle, in denen das Verfahren nicht ausreicht: Bauteile zu unbeheizten Nebenräumen und Kellern (nicht die oberste Geschossdecke gegen den Dachraum), erdberührte Bauteile, begrünte oder bekieste Dächer, Innendämmungen über 1,0 m²K/W, Holzkonstruktionen ohne Hinterlüftung und Aufbauten mit hoher Feuchtebelastung. Für diese Fälle ist eine hygrothermische Simulation nach DIN EN 15026 vorgesehen.
Was in der Praxis hilft
- Luftdicht bauen: Anschlüsse, Durchdringungen und die Dampfbremse verkleben. Leckagen transportieren ein Vielfaches der Feuchte, die durch Diffusion eindringt.
- Dampfbremse auf der warmen Seite, diffusionsoffene Schichten nach außen. Zwei Dampfsperren – eine innen, eine außen – schließen die Feuchte ein.
- Dämmung außen hält die Konstruktion warm und verschiebt die Tauwasserebene nach außen.
- Wärmebrücken vermeiden, sonst kühlen einzelne Stellen aus und werden feucht.
- Lüften und heizen: Oberflächentauwasser ist ein Nutzungsproblem, kein reines Bauteilproblem.
Im U-Wert-Rechner lässt sich der eigene Aufbau prüfen: Schichten eingeben, Normklima aktivieren, Tauwasserebene und Menge ablesen. Der Rechner zeigt auch, wie sich eine hinterlüftete Fassade verhält.
Weiterlesen: Der U-Wert in fünf Minuten – wie der Wärmedurchgangskoeffizient berechnet wird.